Ein Jahr mit Hartmut Rosa

Johannes Baur

Ein Jahr mit Hartmut Rosa

Ein Jahr mit Hartmut Rosa 2381 2394 Johannes Baur

Nein, nein, ich habe ihn noch nicht kennen gelernt und schon gar nicht ein Jahr mit ihm verbracht. Eher schon mit seinen Gedanken.

Vor einem Jahr, auf Grund der Pandemie, hatte ich Zeit, das Buch von Hartmut Rosa „Unverfügbarkeit“ zu lesen.
Ich sage es gleich vorneweg: Ich habe nicht alles verstanden. Und das was ich verstanden habe, hat mich berührt, jedoch nicht so, dass es wie eine Rakete gezündet hätte. Es war eher wie ein zartes Anklopfen, ein leises Hallo sagen. Aber es war stetig, wie ein Tropfen, der über Jahre hinweg einen Stalagmit in einer Tropfsteinhöhle entstehen lässt. Seine Worte waren nachhaltig, sie haben mich angefallen und nie mehr losgelassen. Sie waren der Anlass, meine Probleme, Sorgen und Lebenserfahrungen zu reflektieren und sie haben mich auf eine andere Lebensspur gesetzt.

Ob ich mein Leben geändert habe? Nein! Ob seine Gedanken mein Leben verändert haben? Ja, und ob.
Davon möchte ich gerne erzählen.

Ich hatte beim Lesen des Buches den Eindruck: endlich einmal jemand der sagt, was ich schon lange denke, aber nicht aussprechen, formulieren und zu Papier bringen konnte.
Ja, Wahnsinn, genauso ist es. Aha, jetzt verstehe ich mehr über mich und die Welt und warum ich manchmal unglücklich oder unzufrieden war. Die Entdeckung und Lüftung eines Geheimnisses meines Lebens, nach dem ich schon lange auf der Suche bin, das mir bisher aber unzugänglich blieb. Und jetzt war es da, aus dem Verborgenen, offen, sichtbar und verstehbar, nur für mich, ans Licht des Lebens gekommen.
Ich wollte nicht darüber reden. Es war eine Kraft in mir, ein innerer Weg, den ich beschützen und hüten will, bis zum heutigen Tag.

Wenn ich jetzt davon erzählen kann, nur deshalb, weil sich in mir ein tiefes Urvertrauen in den Vorgang des Lebens entwickelt hat, wie ihn Hartmut Rosa beschreibt. Ein Raum, der angefüllt ist mit wunderbaren Lebenserfahrungen, die mein Glück sind.
Ich bin der Machertyp, der, der die Welt gestalten will, der sich einbringt, der seine Vorstellungen auch manchem übergestülpt hat. Einige sagen: toll, wie du das machst. Andere schweigen. Die sind mir bisher noch gar nicht aufgefallen.
Und plötzlich merke ich: Etwas fehlt. Und dann die Frage: Was, wenn du nicht mehr so kannst. Weiter und weiter. Ich werde älter. Ich werde nicht gesünder.
Beides bedeutet dann: Weniger an Wertschätzung, weniger an Lebensqualität. Geht es ab jetzt nur noch bergab? So viele Erfahrungen, die ich in meinem Leben nicht haben will. Und doch sind sie da. Warum folgt mir das Leben nicht mehr. Es lief doch auch bis jetzt. Und da spürte ich, es muss etwas anderes kommen. Es war da, aber unbewusst und noch nicht aussprechbar.

Und dann der Satz: Das Leben ist unverfügbar. Bei manchen Menschen löst er Angst aus. Für mich bedeutete er Erleichterung. Lass los und schaue was geschieht. Mache es nicht selbst, sondern öffne dich für das Leben. Wenn du über dein Leben bestimmst, wird es dir genommen. Wenn du es loslässt, wirst du es gewinnen. Dazu gehören Mut und Selbstvertrauen. Ich bin gern bei mir und das gibt mir Kraft mich zu öffnen. Ein Lieblingssatz in der Bibel von mir über Jesus ist: Er entäußerte sich und wurde den Menschen gleich. Sich entäußern, sich aufmachen und öffnen für das, was mir jeden Tag begegnet und natürlich auch verletzbar werden. Und plötzlich sehe ich Dinge, die schon immer da waren, die ich aber übersehen habe und die mir heute täglich eine Freude sind. Und das macht das Leben so glücklich. Manchmal sind es Kleinigkeiten: der Sonnenaufgang, der Regen, der fällt oder ein kurzes „Guten Morgen“ und ein Lächeln dazu. Manchmal sind es große Lebenszusammenhänge: ich darf ein Teil dieser Welt sein, ich lebe auf der Sonnenseite des Lebens, meine Kinder sind gesund, ich habe jeden Tag, was ich zum Leben brauche.

Und so lege ich in den Tag hinein, was ich anzubieten habe: Gedanken, ein Lied, ein Lob für jemanden, gute Worte, Aufmerksamkeit, Zuhören, Wertschätzung. Und ich warte ab, was sich daraus entwickeln kann: Ein gutes Gespräch, eine sinnvolle Idee, ein Trost, eine interessante Begegnung, eine neue Freundschaft. Und ich wundere mich: Was alles geschehen kann, ohne dass ich viel dazu tun muss.
Gespräche, die ich nie für möglich gehalten habe, Begegnungen, die mich zutiefst berührt haben, Taten, die Leben eröffnen. Und das macht mich so glücklich, weil es ein Geschenk ist und kein Verdienst. Und dieses Glück wird in meinem Innersten in einem Raum behütet und diese Sammlung schenkt mir das unbedingte Vertrauen ins große Leben. Unser Alltag und unsere Worte sind so stark geprägt von Leistung.
Was hast du schon heute Großes geleistet? Was hat das dir gebracht? Welchen Gewinn hast du davon? Hast du dir auch das verdient? Und ich merke, wie mir das weh tut und mich nicht endgültig weiterbringt. Es nimmt mir Lebensqualität und Energie. Nein, ich habe das alles nicht verdient, ich habe es einfach geschenkt bekommen.

Und ich sehe Menschen, die unter Druck stehen oder sich selbst darunter stellen und dabei leiden. Sie versuchen Glück und Zufriedenheit durch Berechnung, Gewinn, Arbeit und Leistung zu erhalten und werden immer wieder enttäuscht.
Und dann der Satz von Hartmut Rosa. Das Leben ist unverfügbar. Ich kann und will es nicht mehr beherrschen. Wenn Menschen es trotzdem tun, werden immer wieder Dissonanzen entstehen, die irgendwann sich aggressiv zum Leben äußern. I
ch denke an eine Begegnung mit dem Satz: Meine Wetter App sagt, dass es jetzt regnen soll und verdammt, es regnet nicht. Paare planen schon lange Zeit vorher ihre Hochzeit: „save the date“ und dann kommt es ganz anders. Urlauber wollen den absoluten Kick und stellen mit Erschrecken eine Baustelle neben dem Hotel fest.

Wenn ich heute mit der Natur, Texten, Liedern, Bildern und Menschen eine Resonanz erfahre, einen Raum, in dem etwas zum Klingen kommt, dann ist das oft viel mehr als die Summe der einzelnen Dinge. Es ist unglaublich, was sich mir offenbart. Gerade jetzt in der Pandemie habe ich für mich, trotz aller Belastungen und Enttäuschungen, neue Möglichkeiten wahrgenommen. Mein Geburtstag fand im ganz kleinen Kreis statt, ich konnte niemanden einladen. So intim und sinnlich habe ich noch nie gefeiert. Ich habe die Ruhe genossen.
Meine Mutter ist im Dezember an Corona verstorben. Wir waren in Quarantäne und ich konnte sie erst sehr viel später beerdigen. Und gerade deshalb hatte ich berührende Gespräche mit dem Pflegepersonal, mit der Pfarrerin und dem Diakon, Angehörigen und Freunden.
Ich habe so viel Zuspruch gefunden und alternative Möglichkeiten einer würdigen Verabschiedung, die ich vorher nicht für möglich gehalten habe. Meiner Mutter hätte das sicherlich gefallen. Es blieb nichts zurück, was unbeantwortet geblieben wäre und ich bin mit der Situation für den Rest meines Lebens versöhnt. Wie ergeht es da Menschen, die immer hadern müssen, was nicht alles hätte sein können, was sie alles verpasst haben und für die eine Lücke in ihrem Leben bleibt. Vielleicht müssen sie einfach nur sehen, was das Leben geboten hätte, was sie übersehen haben und was alles möglich gewesen wäre.

Vor kurzem musste ich ins Krankenhaus: Mein Herz. Vielleicht gingen auch mir die letzten Monate zu sehr zu Herzen. Für mich liegt darin eine Chance, die ich noch einmal erhalten habe: Mit neuen Augen sehen, mich selbst spüren können, meine Umwelt besser wahrnehmen, dankbar sein für das neue, geschenkte Leben, Verantwortung für mich selbst tragen und übernehmen. Gerade in dieser Zeit ist mir bewusst geworden, dass nicht nur ich in meinem Denken und Handeln verändert wurde, sondern dass auch meine Umwelt auf mich anders reagiert: Sensibler, verständnisvoller, friedlicher und ausgeglichener. Und ich kann in schwierige Situationen gelassener gehen. Zum glücklich sein brauchte ich keine Anleitung. Das Leben selbst birgt in sich das Glück. Ich muss es nur entdecken. Manches, was ich mir gewünscht hätte, ist nicht eingetreten. Auch das möchte ich bedenken. Da hat niemand auf meinen Impuls reagiert, es gab keine Resonanz. Soll ich traurig sein, oder enttäuscht? Nein, mein Raum der glücklichen Erfahrungen in mir ist reichlich angefüllt. Was nicht sein kann, kann nicht sein. Ich kann nichts erzwingen. Das Leben ist unverfügbar und der Moment ist unwiederholbar.

Darin liegt ein großer Schatz, die Faszination des Lebens, aber auch zugleich die Herausforderung, Unsicherheit und Unplanbarkeit. Wer sich darauf einlässt, kann glücklich werden. Ich habe es erlebt.

Johannes Baur, Lauterbach
Gemeindereferent, Theaterpädagoge, Kulturreferent der Gemeinde Buttenwiesen
e-mail:

  • Wilfred Nann 9. Mai 2021 um 8:20

    Lieber Herr Baur,
    Ihre Gedanken haben mich sehr angesprochen.
    Ich bin gerade an einem „Lebensübergang“ , ich gehe in einigen Wochen in Rente.
    Und das ist mit vielen Unverfügbarkeiten verbunden.
    Das Buch von Hartmut Rosa hat mir da einiges klar gemacht.
    Und doch ist es für mich immer wieder eine Herausforderung sich diesen Unsicherheiten zu stellen. Und dann erlebe ich wie Sie beschreiben, ungeahnte Resonacen, die mich zufriedener und auch gelassener werden lassen.
    Alles Gute für Sie
    Herzliche Grüße
    Wilfred Nann
    Augsburg z.Z. noch Leiter der keb Ostalbkreis
    P.S. Wir haben uns kurz kennengelernt bei einer Ihrer tollen Theaterproduktionen, bei der ich dann fast versucht war, die tolle Drehbühne für unsere Theatergruppe IrrReal zu erwerben.

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