Resonanz ist selbstbestimmt

Verblühte Rose

Resonanz ist selbstbestimmt

Resonanz ist selbstbestimmt 1947 2048 Ulrich Berens

Fotografie ist schon seit zwei Jahrzehnten nicht nur mein Hobby, sondern mein zentrales kreatives Instrument und Medium, mit dem ich der Welt intensiv begegne. Meine Eindrücke etwa von Reisen oder meiner ganz alltäglichen Umgebung finden so eine Resonanz, die in der Fotografie einen für mich bedeutungsvollen Kanal gefunden hat, sich auch mehr oder weniger künstlerisch zu manifestieren und auszudrücken.

Diese Resonanz entsteht sehr selten im „Vorbeigehen“, sondern braucht Zeit, ein Betrachten, Angerührtsein und Sich-Einlassen sowie diese spezielle Art von Kreativität freisetzender Muße, die es mir ermöglicht, in Ruhe die Dinge anzuschauen und dann auch hinter das zu schauen, an was vordergründig mein Blick hängen bleibt. Im letzten entdecke ich dadurch, dass letztlich die Welt in mich, in mein Herz und in meine Seele hineinschaut, weshalb es mir nicht schwer fällt, ein intensives „Fotografie-Erlebnis“ mit meiner eigenen Spiritualität in Verbindung zu bringen.

Mir geht es beim Fotografieren deswegen um das Herausarbeiten und die Wiedergabe meines subjektiven Eindrucks, und damit um den Kern meiner spontanen Resonanz auf das, was mir begegnet, was ich erlebe und was ich sehe.

Viele Fotos, die ich auf unterschiedlichen Wegen und Plattformen zeige, lösen ihrerseits wiederum im Betrachter eine Resonanz aus, die mich manchmal überrascht, aber immer auch froh macht.

Aus dieser Erfahrung heraus haben mich einige Sätze aus Hartmut Rosas Buch zuerst irritiert, und dann, ja: geärgert. (Und das obwohl ich sein Buch insgesamt mit Gewinn gelesen habe und mir sein Denkansatz wie seine Beobachtungen und Folgerungen viel gegeben haben.)

Hartmut Rosa schreibt auf den Seiten 59 und 60 seines Buches „Unverfügbarkeit“:

„Auf überaus aufschlussreiche Weise zeigt sich dies in dem Versuch, »resonante« Begegnungen medial festzuhalten, insbesondere mittels des ubiquitären Fotografierens […] Unglücklicherweise zeigt sich jedoch in aller Regel, dass dieses Festhalten ein Stillstehen der Resonanzdynamik bedeutet. In dem Moment, wo wir einer Landschaft oder einem Ereignis oder einem Objekt mit dem Blick des Fotografen begegnen, hören diese auf, zu uns zu sprechen […] Der Griff zur Kamera verschiebt den Aufmerksamkeitsfokus und die Haltung, mit der wir der Welt begegnen. Im Blick auf das Kameradisplay – oder genauer: schon vorher, wenn wir ein Gegenüber als potentiell fotogen erkennen – nehmen wir eine Welthaltung ein, die darauf abzielt, gleichsam Weltpotenzial (»da ist etwas«) einzufrieren, um seiner habhaft zu werden. Diese Verschiebung lässt sich durchaus in den Begriffen Erich Fromms als Wechsel von einer Existenzweise oder Orientierung des Seins in eine solche des Habens verstehen…“

Die Aussage Rosas, mit dem Fotografieren (=“Festhalten“) käme die Resonanzdynamik zum Stillstand, halte ich für unbelegt, wenn nicht für schlichtweg falsch.
Vielmehr kann das Fotografieren eine ganz neue Resonanzdynamik entfalten und anstoßen, die mit der Auswahl des Werkzeugs (Kamera) und des Bildausschnittes, sowie der gewählten Perspektive und Brennweite beginnt, mit der Bearbeitung des Fotos fortgeführt wird, und mit der Rahmung, der Präsentation und dem Zeigen oder sogar dem Ausstellen des Fotos immer noch nicht endet. Denn neue Resonanzräume eröffnen sich beim gleichen Foto immer dort, wo ein neuer Betrachter sich darauf einlässt.

Rosas Aussage ist mir zu pauschal, denn sie ließe sich genauso auf Maler oder Bildhauer beziehen: Ist nicht auch das Malen eines Portraits oder das Schaffen einer Statue ein „Festhaltenwollen“ von „Weltpotential“? Kann ich deswegen aber den kreativen Dialogprozess der Schaffung eines Kunstwerkes als „Stillstehen der Resonanzdynamik“ in Abrede stellen oder als „Orientierung des Habens“ vorführen?

Was mich zu einem abschließenden Gedanken meiner „Kritik“ führt:

Kann ich überhaupt Resonanz klassifizieren?

Also etwa sie einteilen in eine „gute“, weil eben intensive, reflektierte, hinterfragte und bewusste Resonanz – und eine Resonanz, die „nur“ ein unhinterfragter Reflex zu sein scheint.

Oder anders gefragt – um beim Thema Fotografie zu bleiben: Ist die fotografische Resonanz auf einen berührenden Sonnenuntergang nur deswegen „weniger wert“, weil jemand automatisch sein Handy zückt, um diesen Sonnenuntergang mehr schlecht als recht für sich festzuhalten? Hört mit dem schnellen Schnappschuss via Handy der Weltdialog, und das Berührtsein schon auf? Wird durch die „Fotografie aus der Hüfte“ die Welt bereits stumm und schweigt mir zu?

Bestimmt nicht. Denn eine solche Sicht würde mir ja den Blick auf die jeweils eigene Lebensgeschichte und auf die persönlichen Beweggründe verstellen, die die Person mit dem Handy mit diesem Foto verbinden könnte: etwa der Gedanke an einen schönen Moment in der Vergangenheit, oder die Sehnsucht danach, mit einem geliebten Menschen diesen Sonnenuntergang jetzt (oder später) zu teilen.

Ich denke: jeder Mensch bestimmt das Maß und Mittel seiner Resonanz auf die Welt selbst. Es mag sein, dass Menschen aufgrund ihrer Lebensgeschichte mal intensiver Resonanz und mal wenig bis gar keine Resonanz empfinden und ausdrücken können.
Resonanz hat in jeder Ausdrucksform – und auch in ihrer Unbeholfenheit – Respekt verdient, weil sie unseren innersten personalen Kern berührt.

 

Ulrich Berens
Email:
ulrich-berens.de

Foto: Ulrich Berens

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