Das Märchen vom Fischer und seiner Frau und die Unverfügbarkeit

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Das Märchen vom Fischer und seiner Frau und die Unverfügbarkeit

Das Märchen vom Fischer und seiner Frau und die Unverfügbarkeit 453 340 Georg Fetsch

Neulich wurde ich bei einem Gang durch den Supermarkt an ein Märchen aus meinen Kindertagen erinnert. Im Fischregal gab es geräucherten Schwarzbutt. Von der Fischart „Butt“ hatte ich schon gehört – doch wo nur? Ah, ich weiß, es war das Märchen „Von dem Fischer und seiner Frau“ von den Brüdern Grimm. Wie so viele Märchen, hat auch diese Geschichte etwas Einprägsames an sich, das einem ein Leben lang in Erinnerung bleibt.

Die Erzählung handelt von einem braven Fischer, der jeden Tag ans Meer ging, um zu Fischen. Er lebte gemeinsam mit seiner Frau Ilsebill in der Nähe der Küste in einer ganz einfachen Tonne.

Eines Tages machte sich der Fischer wieder auf den Weg und siehe da, es hing ein Butt, ein Plattfisch, an der Angel. Als der Fischer seine Beute versorgen wollte, begann der Butt plötzlich zu sprechen: „Töte mich nicht, lass mich frei, denn ich bin ein verwünschter Prinz!“
Der Fischer, der ganz erstaunt über den sonderbaren Fang war, lies den Butt frei.

Zu Hause erzählte er die Begebenheit seiner Frau. Die schickte ihn prompt ans Meer zurück, mit dem Auftrag, den Fisch um etwas zu bitten, da der Mann ihm ja das Leben geschenkt hatte. Die Frau wünschte sich eine Hütte. Die Bitte wurde erfüllt, doch das Glück währte nur kurz. Alsbald war die Hütte zu klein. Es musste nun ein großes Schloss aus Stein sein. Auch das war bald zu gering. Die Frau wollte König werden – und es geschah. Doch dann wollte sie mithilfe des langsam genervten Butts auch noch Kaiser und schließlich Papst werden. Alles wurde erfüllt.

Doch dann kam die dreisteste Bitte. Die Fischerin wollte werden wie der liebe Gott und ihr Mann sollte es dem wundersamen Fisch ausrichten. Widerwillig machte er sich auf den Weg. Das Meer war in eine ganz düstere Stimmung gekleidet. Der Fischer trug dem Butt die Bitte seiner Frau vor – doch nun war endgültig eine Grenze erreicht. Der Wunsch bewirkte das Gegenteil des Gewollten. „Geh nur heim, …“ sagte der Fisch, „… nun sitzt sie wieder in eurer armseligen Tonne!“ Und wirklich: als der Mann nach Hause kam, war es so, wie der Butt gesagt hatte. Alles Gewonnene war sprichwörtlich zerronnen und der ganze steile Aufstieg war mit einem Mal zunichtegemacht.

Sich an dieses Märchen zu erinnern, war für mich wie ein Geschenk, eine Erinnerung an die Kindheit. Es ist auch ein schönes Beispiel, wie Unverfügbarkeit zu verstehen sein könnte. Das beschäftigt mich seit der Lektüre des gleichnamigen Buches von Hartmut Rosa. Des Fischers Frau möchte sich ihr Leben, die Menschen, die Welt, ja sogar die ganze Schöpfung verfügbar machen. Als sie es aber zu weit treibt und so sein will wie Gott, ist sie plötzlich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. Reichtum und Macht werden zunächst immer mehr. Sie entfremden die Frau jedoch von sich selbst und ihrem Mann. Der wird zum bloßen Werkzeug ihrer Gier nach Mehr reduziert. Resonanz kommt in dieser Beziehung nicht mehr zustande. Das ändert sich erst nach dem tiefen Fall. Nachdem sich das vermeintlich Begehrenswerte jedem Zugriff entzogen hat.

In einer Verfilmung des Märchens waren der Fischer und seine Frau gar nicht mal so unglücklich über den Absturz. Sie konnten wieder normal zusammenleben, ohne ständig etwas Größeres und Besseres erreichen zu müssen, ohne die Verantwortung für großen Reichtum oder ein hohes Amt zu haben. „Wir besitzen doch alles, was wir brauchen! Wir haben doch uns!“ kann der Fischer schließlich erleichtert sagen. Er wird sich der gemeinsamen Liebe bewusst, welche die beiden verbindet. Anverwandlung wird wieder neu möglich.
So entsteht, oft ganz unverhofft und überraschend, doch noch Neues, und das ganz ohne, dass ich mir irgendetwas hätte verfügbar machen wollen – in den großen Abläufen des Lebens aber auch in den ganz kleinen – unter Umständen selbst dann schon, wenn ich gerade mal kurz in das Kühlregal eines Supermarktes blicke!

Der Name der Frau des Fischers „Ilsebill“ kann übrigens mit „Gott ist Fülle“ übersetzt werden. Das heißt für mich: Die Antwort auf viele Fragen des Lebens liegt oft so nah. Die Schwierigkeit besteht meist darin, das Herz dafür offen zu haben.

Georg Fetsch,
Pfarrer in Peißenberg

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