Berufung ist Resonanz

Andreas Miesen

Berufung ist Resonanz

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Anfang des Jahres nahm ich an einer Tagung teil, bei der im Eröffnungsreferat der bekannte Satz Hartmut Rosas zitiert wurde: „Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung“. Mein Interesse war geweckt und ich dachte mir – ganz Kind meiner Zeit -, wenn Resonanz Probleme löst, dann muss ich mir das Buch verfügbar machen. Probleme gibt’s schließlich mehr als genug, selig also der, der Lösungen verfügbar hat. Noch bevor das Referat zu Ende war, hatte ich die Bestellbestätigung für das Buch in meinem E-Mail-Postfach. Über Rosas „Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung“ bin ich dann an sein Buch „Unverfügbarkeit“ gekommen.

Zuallererst hat mich Rosas entlarvende Gegenwartsanalyse beeindruckt, in der er erklärt wie und warum sich moderne Gesellschaften nur dynamisch stabilisieren und warum Menschen in solchen Systemen die Orientierung verlieren können. Orientierungslos aber lässt sich für den Menschen auf der Suche nach einem guten Leben kein wirklich konkretes Ziel ausmachen. Wenn ich allerdings nicht definieren kann, was ein gutes Leben ist und wohin ich deshalb unterwegs sein will, kann ich den Weg dorthin auch nicht finden. Notgedrungen werde ich mich auf die Verbesserung meiner vordergründigen Ressourcen für ein gutes Leben konzentrieren, auf Geld, Gesundheit und Gemeinschaft bspw., und werde bald die Vergrößerung dieser Ressourcen für das eigentliche Ziel meines Lebens halten. Der damit einhergehende Steigerungs- und Beschleunigungswahn kann in den Zustand der Entfremdung und Beziehungslosigkeit führen, der letztlich mit einem guten Leben immer weniger gemein hat. Deshalb steht „Die Moderne […] in der Gefahr, die Welt nicht mehr zu hören und sich eben darum auch selbst nicht mehr zu spüren […] Sie ist unfähig geworden, sich anrufen und erreichen zu lassen.“ (Unverfügbarkeit, S. 34) Resonanz – und damit ein gutes Leben – heißt demgegenüber, in Beziehung zu sein mit der Welt, mit meinen Mitmenschen, ja mit mir selbst … der Christ würde hinzufügen wollen: mit Gott.

Auch wenn man theologische Vorbehalte gegenüber der Beschleunigungs- und Resonanztheorie Rosas haben kann und wie Rainer Bucher in letzterer eine „soziologische Soteriologie“[1] erkennen mag, empfinde ich Rosas Entwurf als äußerst anschlussfähig für ein christliches Gottesbild und fruchtbringend für eine christliche Spiritualität und Verkündigung. Als Christ fühle ich mich von meinem Schöpfer ins Leben gerufen und aufgefordert, ihm mit meinem Leben Antwort zu geben auf seinen Ruf. Er hat mich somit nicht nur resonanzfähig und -bedürftig geschaffen, sondern auch mit Gaben und Charismen ausgestattet und er ruft mich, sie einzusetzen für mich, für meine Mitmenschen, für den Aufbau seines Reiches. Was also ist Berufung anderes als ein resonantes Beziehungsgeschehen, in dem Gott und Mensch in einem Ruf- und Antwortverhältnis stehen? Wenn die Sehnsucht des modernen Menschen die nach einem resonanten Leben ist, dann haben wir als Christen da durchaus etwas anzubieten. Einen nämlich, der diese Sehnsucht stillen kann: einen Gott, der per se der Unverfügbare ist, der sich aber für mich erfahrbar macht. Sollte sich aus Hartmut Rosas Soziologie der Weltbeziehung etwas lernen lassen für eine Verkündigung der Gottesbeziehung und für die Evangelisierung einer modernen Welt? Es könnte sich lohnen, darüber ins Gespräch zu kommen.

Andreas Miesen
Leiter der Abteilung Berufe der Kirche
Augsburg
E-Mail andreas.miesen@bistum-augsburg.de

[1] Kläden, Tobias/Schüßler, Michael (Hg.), Zu schnell für Gott?, Theologische Kontroversen zu Beschleunigung und Resonanz, QD 286, Freiburg i.B. u.a., Herder, 2017

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