Eintauchen in unverfügbare Stille

Michael Schatz

Eintauchen in unverfügbare Stille

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Über die Unverfügbarkeit des Nicht-Denkens während der Meditation

Die Schwierigkeit am Anfang des Meditierens und Sitzen im Schweigen ist, dass uns allzu viele Gedanken kommen und uns all die Themen durch den Kopf gehen, die uns gerade umtreiben. Unser Denken ruht meist nicht und wir sind es gewohnt jeden neuen Gedanken weiterzuverfolgen, in auszugestalten, ins Gespräch zu bringen, einen Plan zu machen oder einen Kalender zu erstellen. Unser Denken verfügt über Gedankenstränge und bringt unsere Zukunft oder unsere Vergangenheit in Weltreichweite. Normalerweise ist das auch gut so – nur nicht beim Meditieren und Eintauchen in die Stille.

Bild "Meer" von Michael Schatz

Bild „Meer“ von Michael Schatz

Dazu gibt es von Meditationserfahrenen den Hinweis: Schau deinem Atem zu. Wenn dich die Gedanken (diese Herumtreiber) davon tragen oder dich umtreiben und von der Stille ablenken, dann kehre mit deiner Aufmerksamkeit zu deinem Atem zurück und schaue ihm zu; also ohne ihn bewusst zu steuern. Nur schauen, wie er kommt und geht. „Es atmet in dir. Du musst nichts dazu tun. Dein Atem ist ein Geschenk Gottes/ des Lebens an dich“ pflege ich die Atembeobachtung, das Atemschauen zu kommentieren. Medizinisch heißt es, der Atem sei ein unwillkürlicher Akt. Wie der Herzschlag geschieht er in der Regel ohne jeden Willensakt. Er ist sozusagen eine vom Willen und Bewusstsein unabhängige Körperfunktion. Harmut Rosa würde wohl sagen: „Beide geschehen unverfügbar“, solange wir nicht mit unserem Bewusstsein eingreifen. Daher erscheint mir das Atemschauen als ein Kontakt-aufnehmen mit dem Unverfügbaren.

Ich spreche gezielt vom Schauen auf den Atem. Damit meine ich einen Blick, der wahrnimmt ohne zu kategorisieren, adaptieren oder einzuordnen. Das Staunen ist die unmittelbarste Form solchen Schauens. Mich erinnert es an die Weite des Meeres und an mein Bild „In Berührung mit der stillen Ewigkeit“. Dastehen, kein Wort sprechen und in die Weite des Meeres blicken, während die Dünung eine endlose Hintergrundmusik singt.

Eine zweite Haltung auf dem Weg zur Stille: Die Gedanken ziehen lassen. Das bedeutet sich nicht mit dem zu beschäftigen, was einem gerade durch den Kopf geht. Vergleichbar mit Wolken, die im Blickfeld auftauchen, vom Wind vorbeigetrieben werden und wieder auch der Sicht entschwinden. Die Zeit für auftauchende Gedanken ist später. „Kommt wieder, wenn es an der Zeit ist!“ kann ich ihnen hinterherschicken, so kann ich auch noch nach der Meditation über sie verfügen. Sie rufen mich an, aber vorerst will ich mir sie nicht anverwandeln. Meine Erfahrung ist, auf diese Weise ist noch kein wichtiger Gedanke verloren gegangen, dem ich mich nicht gleich gewidmet hatte.

Im Hier und Jetzt sein, noch nicht weitergedacht, den Augenblick schauen, das hilft, aus der Gedankenwelt in die Stille hinüberzugehen, und einem unverfügbaren Kairos zu begegnen, einer besondere Zeit: Voll Resonanz des Schweigens.

Michael Schatz
Pastoralreferent
Krankenhausseelsorge und PG Aichach
e-Mail: scha.mi@t-online.de

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