Die Geschichte von den Raupen

Foto von Andrea Göppel

Die Geschichte von den Raupen

Die Geschichte von den Raupen 1181 787 Martin Knöferl

Text und Bild aus dem Buch „Haltestellen für die Seele“ von Wolfgang Öxler, Erzabt Kloster St. Ottilien (Texte) von Andrea Göppel (Fotos), erschienen im Herder Verlag. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Da sagt eine Raupe zur anderen: „ Du, ich hab gehört, dass wir später einmal sogar fliegen können.« – »Ach Unsinn«, entgegnet die andere, »so ein Quatsch. Du kannst höchstens hier vom Blatt runterfliegen und danach brummt dir der Schädel. Unser Leben besteht aus Fressen, Kriechen, Fressen und wieder Kriechen.« – »Ja, aber meinst du nicht, dass es vielleicht mehr gibt als nur das?«, fragt die erste. – »Reine Fantasie«, beharrt ahnungslos die andere, »alles nur Einbildung und leeres Geschwätz. Hast du schon mal eine fliegende Raupe gesehen? Wir fressen und kriechen und irgendwann sterben wir. Und dann ist alles vorbei.«

Wenn die beiden wüssten, dass sie einmal schöne, bunte, fröhliche Schmetterlinge sein werden! Aber natürlich, solange sie sich nur in ihrer Raupenwelt bewegen, machen sich viele keine Vorstellung davon, wie es ist zu fliegen. Solange wir Menschen uns in der Raupenwelt bewegen, mag manchen die Rede von der Auferstehung unsinnig erscheinen. So lange gilt: kriechen, fressen, kriechen, fressen. Oder anders gesagt: seine Aufgaben erledigen, arbeiten, sich durchwursteln, ein bisschen Spaß haben, älter werden, sterben. Und das war’s.

Ostern: Ihr werdet auferstehen in Herrlichkeit

Wenn wir uns aber über das menschliche Denken hinaus auf die biblische Botschaft einlassen, wenn wir mit Gott rechnen, mit seiner Macht und seiner Liebe, dann weitet sich unser Horizont. Ostern bedeutet: über das Raupendasein hinausblicken. Gebt euch nicht mit dem Augenscheinlichen zufrieden, rechnet damit, dass Gott euch verwandeln kann. So wie es Paulus schreibt: »Gesät wird in Unansehnlichkeit, auferweckt in Herrlichkeit; gesät wird in Schwachheit, auferweckt in Kraft. Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein geistlicher Leib.« (1. Korinther 15,43–44)

In einer philosophischen Betrachtung, die Heinrich Böll zugeschrieben wird, heißt es: »Wenn die Raupen wüssten, was einmal sein wird, wenn sie erst Schmetterlinge sind, sie würden ganz anders leben: froher, zuversichtlicher und hoffnungsvoller. Der Tod ist nicht das Letzte. Der Schmetterling ist das Symbol der Verwandlung, Sinnbild der Auferstehung. Das Leben endet nicht, es wird verändert.

Der Schmetterling erinnert uns daran, dass wir auf dieser Welt nicht ganz zu Hause sind.«

Auferstehung im Hinterkopf

Im ehemaligen Schottenkloster von Regensburg wurde bei der Restauration des gotischen Kreuzes im Hinterkopf der Figur ein Schmetterling gefunden. Eine feuervergoldete Emaille Arbeit aus Silber. Der Künstler hat auf den Flügeln des Schmetterlings die Kreuzigung Jesu dargestellt.

Was für eine geniale Idee: Den Schmetterling als Symbol der Verwandlung in ein gänzlich anderes Leben steckt der Künstler dem Gekreuzigten in den Hinterkopf.

Jesus hat schon am Kreuz die Auferstehung im Kopf.
Wenn du einmal nicht mehr weiterweißt und dich in
einer Krise die Kräfte verlassen, dann hab im Hinterkopf:

Der Auferstandene zeigt dir den Weg,
der zum ewigen Leben führt.

Der Auferstandene schenkt dir
in der Begegnung mit ihm neue Kraft.

Der Auferstandene öffnet dir die Augen
für eine Wirklichkeit,
die über deinen Horizont hinausgeht.

Es ist gut, im Hinterkopf zu behalten, dass wir froher,
zuversichtlicher und hoffnungsvoller leben dürfen.

Dazu will uns Ostern anstiften.

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